{"id":51,"date":"2008-07-16T21:53:00","date_gmt":"2008-07-16T19:53:00","guid":{"rendered":""},"modified":"2017-02-16T20:40:55","modified_gmt":"2017-02-16T19:40:55","slug":"46-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tiefederjahre.at\/?p=51","title":{"rendered":"46 Jahre"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size:130%;\"><span style=\"font-family:verdana;\">Es mag ja banal klingen, aber ich mache mir Gedanken \u00fcber den Rest meines Lebens, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sich morgen schon wieder ein Lebensjahr vollendet: Ich werde 46.<\/p>\n<p>Und aus diesem Grund blogge ich jetzt so vor mich hin. Ich glaube ja nicht, dass so ein Blog wirklich gelesen wird, denn es gibt derartig viele davon (und die meisten sind bl\u00f6kender Schwachsinn), dass es ja reiner Zufall sein m\u00fcsste, wenn man gerade auf meinen sto\u00dfen w\u00fcrde. Zufall, oder eben eine Kombination von Schl\u00fcsselw\u00f6rtern, die jemand in eine Suchmaschine eingibt, nachdem die Crawler einmal dr\u00fcbergekrochen sind, \u00fcber meine Beitr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Da mich niemand zwingen kann, hier systematisch vorzugehen, springe ich jetzt ein wenig von einem Gedanken zum anderen. Ein &#8212; wenn nicht DAS &#8212; Leitmotiv dieses Blogs ist unabh\u00e4ngiges Denken, also etwas, wof\u00fcr man anderswo eher bestraft als belohnt wird.<\/p>\n<p>Mit der Zeit beginnt man zu bemerken, wie viele Menschen ein mehr oder weniger offensichtliches Kastel in ihrem Hirn haben. Und die Dinge, die in diesem Kastel (es k\u00f6nnen auch mehrere sein) liegen, die geh\u00f6ren dorthin, die werden nicht hinterfragt, die liegen an ihrem Platz wie das Besteck und der Dosen\u00f6ffner in der K\u00fcchenlade. Ab und zu nimmt man sie vielleicht heraus, dann werden sie abgewaschen und wieder hineingestellt. Aber ob sie \u00fcberhaupt in diese Lade geh\u00f6ren und ob man diese Lade eigentlich haben muss, das wird schon aus Bequemlichkeit nicht gefragt.<\/p>\n<p>Ich will die Metapher nicht \u00fcberstrapazieren. Aber ich nenne Beispiele: Ein Beispiel, das mir sehr am Herzen liegt, ist das Thema Demokratie versus Totalitarismus. Dazu gibt es, als eine Art \u00dcberblicksinformation, einen ganz guten Artikel in der deutschen Wikipedia:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Totalitarismus\">Zum Artikel hier klicken<\/a><\/p>\n<p>Ich meine, dass die Kritik an der Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus in ihrem Kern substanzlos und daher wertlos ist. Ich halte es da ganz mit Hannah Arendt, die Nationalsozialismus und Stalinismus als &#8222;Variationen des gleichen Modells&#8220; bezeichnet, ich meine: v\u00f6llig zurecht.<\/p>\n<p>Das Problem ist nur, dass die ja schon seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts massiv in den Westen dringende und sehr bewusst gesteuerte kommunistische Propaganda sich offenbar tief in die Hirne ganzer Generationen von westlichen Intellektuellen (und solchen, die es werden wollen) gegraben hat. Und das f\u00fchrt bis heute dazu, dass den meisten dieser Leute unmittelbar klar ist, dass der Nazistaat b\u00f6se war und dass man alles tun muss, um das neuerliche Vordringen rechtsextremer Kr\u00e4fte hierzulande und \u00fcberhaupt zu verhindern. So weit einverstanden.<\/p>\n<p>Was diesen Leuten hingegen <span style=\"font-weight: bold; font-style: italic;\">nicht<\/span> bewusst und <span style=\"font-weight: bold; font-style: italic;\">\u00fcberhaupt<\/span> nicht klar ist: dass der Sowjetstaat genauso b\u00f6se war. Wenn ich etwa lese, dass zwischen 1928 und 1937 unter Stalin <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">mehr als 10 Millionen Menschen, <\/span><\/span>die sogenannten Kulaken (das waren de facto Leute, die ein paar K\u00fche, Pferde oder Schafe besa\u00dfen), entweder gleich ermordet oder in die Gulags deportiert wurden, dann frage ich mich wirklich, inwiefern das auf einer h\u00f6heren moralischen Stufe stehen soll als der Holocaust. (F\u00fcr jene, die was nachschlagen wollen, seien die Wikipedia-Artikel zu den Begriffen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Demozid\"><\/a><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Demozid\">Demozid<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holodomor\">Holodomor<\/a> empfohlen, einfach draufklicken.)<\/p>\n<p>Damit will ich <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">nicht <\/span><\/span>zu den Leuten geh\u00f6ren, die versuchen, den Holocaust, den systematischen, industriellen Mord an sechs Millionen Menschen (bekanntlich vor allem Juden, aber in geringerer Zahl z.B. auch Sinti und Roma) in irgendeiner Weise zu relativieren. Das ist ja eine beliebte Strategie, die von allen m\u00f6glichen Seiten (und im Falle des Holocaust nat\u00fcrlich in erster Linie von Rechtsradikalen, Neonazis und derlei Gelichter) gepflogen wird: Wenn es da also hei\u00dft, die Deutschen haben unter der Naziherrschaft die Juden vernichtet, dann kommt man mit dem Argument: &#8222;Ja, aber Stalin war ja auch b\u00f6se!&#8220; Das nenne ich Aufrechnen von Opfern, eine Vorgangsweise, die ich <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">striktest <\/span><\/span>ablehne.<\/p>\n<p>Das kann allerdings nicht bedeuten, dass es im Umkehrschluss nicht erlaubt w\u00e4re, \u00fcber die Opfer Stalins zu sprechen. Nur aufrechnen soll man nicht. (Es ist letztlich auch nichts damit gewonnen, wenn man darauf hinweist, dass dem stalinistischen Morden deutlich mehr Menschen zum Opfer gefallen sind als dem Holocaust.) Man sollte vielmehr daraus nur einen Schluss ziehen: dass <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">jegliche Diktatur<\/span><\/span>, und schon erst recht jegliche totalit\u00e4re Diktatur (nicht jede Diktatur ist totalit\u00e4r, aber jede Diktatur ist abzulehnen, weil sie jedenfalls ein Unrechtssystem darstellt und au\u00dferdem im Prinzip jederzeit totalit\u00e4r werden kann) mit gleicher Vehemenz abzulehnen ist. Das ist kein Aufrechnen, das ist auch kein Vermischen von Begriffen, aber ich meine doch, f\u00fcr das einzelne Opfer war es ziemlich egal, ob es in Auschwitz oder im Gulag zu Tode kam oder ob es von der Gestapo oder vom KGB gefoltert wurde. Bzw. im Namen der Rasse oder im Namen der Klasse.<\/p>\n<p>Man kann \u00fcbrigens auch ohne langes Studium von verschiedenen Theorien des Totalitarismus einen einfachen Schluss ziehen: sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus\/Stalinismus wollen eine &#8222;neue Gesellschaft&#8220; und als deren Grundlage einen &#8222;neuen Menschen&#8220; schaffen. Das ist bekanntlich unm\u00f6glich. Es mag m\u00f6glich sein, die Gesellschaft langsam zu ver\u00e4ndern, aber der Fehler den beide Ideologien machen, ist, die menschliche Natur zu verkennen oder zu verleugnen. Menschen k\u00f6nnen auf die Dauer unter keinem F\u00fchrer gl\u00fccklich werden, ob rot oder braun, ob Hitler oder Stalin. Und &#8222;neue Menschen&#8220; sind leider allzu oft nur das, was von den &#8222;alten Menschen&#8220; nach Jahren von Folter, Mord, Unterdr\u00fcckung und Versklavung \u00fcbrigbleibt.<\/p>\n<p>Aber viele, viele hier in westlichen L\u00e4ndern sind auf einem Auge blind. Sie sehen den Naziterror, aber sie sehen den kommunistischen Terror nicht. Sie denken an Auschwitz, aber sie denken nicht an Pol Pot. Sie denken z.B. auch nicht an Tibet, in dem bis heute Arbeits- und Folterlager existieren, in dem mindestens eine Million Menschen umgebracht und mindestens genau so viele versklavt wurden seit der v\u00f6lkerrechtswidrigen Annexion Tibets durch die chinesisch-kommunistische Armee.<\/p>\n<p>Nein, das alles sehen Sie nicht, was Sie sehen ist nur das b\u00f6se Amerika, ist nur Guantanamo, ist nur Dablju Bush, ist nur Abu Ghraib, ist nur der Irak und Afghanistan. Ich gebe gern zu, dass auch die Analyse dessen, was die USA falsch machen (und gemacht haben), ein durchaus lohnendes Unterfangen w\u00e4re. Aber <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">eines<\/span><\/span><span style=\"font-weight: bold;\"><\/span> m\u00f6chte ich doch schon an dieser Stelle festhalten: Die USA sind eine Demokratie und keine Diktatur, schon gar keine totalit\u00e4re. Auch hier h\u00f6re ich die Linksverbinder schon aufschreien: von Mord und Totschlag, den die Amis \u00fcber diverse L\u00e4nder gebracht haben, von den vielen Toten, die der Kapitalismus angeblich oder wirklich verursacht hat und weiter verursacht, und so weiter halt.<\/p>\n<p>Wobei das ja nicht alles falsch ist. Wollte ich das behaupten, so w\u00e4re ich ja um nichts besser als jene Kastldenker, die ich am Anfang dieses Eintrags &#8212; aus \u00dcberzeugung! &#8212; verunglimpft habe. Aber man kann nun einmal nicht leugnen, dass die USA eine Demokratie sind, eine seltsame vielleicht, aber eben doch eine Demokratie. Das zeigt sich unter anderem darin, dass der grausliche Dablju im n\u00e4chsten J\u00e4nner endg\u00fcltig Geschichte sein wird, ob er will oder nicht. Von Fidel Castro kann man das nicht behaupten&#8230;<\/p>\n<p>Und so schlie\u00dft sich denn der Kreis: Die Feinde meiner Feinde sind, <span style=\"font-style: italic;\"><span style=\"font-weight: bold;\">eben nicht<\/span><\/span> notwendigerweise meine Freunde. Differenzierung tut not, aber ebenso not tut klare Sicht und klares Aussprechen von Fakten, die gerade in Westeuropa durch anhaltende Propagandavernebelung vieler Gehirne immer noch verdreht oder verleugnet werden.<\/p>\n<p>Und so ist denn, w\u00e4hrend ich diesen Satz schreibe, gerade Mitternacht, und somit beginnt mein Geburtstag, und ich bin 46. Das allein war doch vielleicht diese Abhandlung wert.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag ja banal klingen, aber ich mache mir Gedanken \u00fcber den Rest meines Lebens, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sich morgen schon wieder ein Lebensjahr vollendet: Ich werde 46. Und aus diesem Grund blogge ich jetzt so vor mich hin. 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