{"id":70,"date":"2017-02-16T21:28:34","date_gmt":"2017-02-16T20:28:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tiefederjahre.at\/?p=70"},"modified":"2017-02-16T21:36:39","modified_gmt":"2017-02-16T20:36:39","slug":"friedrich-gulda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tiefederjahre.at\/?p=70","title":{"rendered":"Friedrich Gulda"},"content":{"rendered":"<p>Ich stelle fest, dass es &#8222;Suite 101&#8220; seit 2014 nicht mehr gibt. Content gel\u00f6scht, alles weg. Wer wissen will, was das war, kann es <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suite101.com\">hier<\/a> nachlesen. Aber zum Gl\u00fcck habe ich mir ja die Beitr\u00e4ge, die ich damals f\u00fcr die Suite geschrieben habe, aufgehoben. Und ich sehe keinen Grund, sie nicht hier zu ver\u00f6ffentlichen. Also: Tribute to Friedrich Gulda.<\/p>\n<h2>Das Klavier als Weltregierung \u2013 Hommage an Friedrich Gulda<\/h2>\n<h3>Friedrich Gulda h\u00e4tte sich auf den Lorbeeren seines fr\u00fchen Erfolgs ausruhen k\u00f6nnen. \u00a0Stattdessen ging er neue Wege \u2013 Eindr\u00fccke von einem tollen Konzert.<\/h3>\n<p>Im Stadtsaal Tulln fand am 8. Oktober 2010 im Rahmen des \u201eJeunesse\u201c-Zyklus ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Konzert statt \u2013 \u201eA Tribute to Friedrich Gulda\u201c war Titel, Motto und Programm zugleich. Und was f\u00fcr ein Tribut!<\/p>\n<p>Gestaltet hat das Programm Paul Gulda, l\u00e4ngst nicht mehr (oder eigentlich nie) blo\u00df Sohn des gro\u00dfen Friedrich, sondern eigenst\u00e4ndiger, und eigenst\u00e4ndig erfolgreicher Pianist und Komponist (und nebenbei einer der auch politisch wachen und sich artikulierenden Menschen in diesem Land \u2013 an dieser Stelle muss das Stichwort \u201e<a href=\"http:\/\/www.refugius.at\/\">Rechnitz<\/a>\u201c gen\u00fcgen).<\/p>\n<p>Tribut geb\u00fchrt hier auch <a href=\"http:\/\/www.jeunesse.at\/ueber-uns\/jeunesse-regional\/tulln.html\">MMag. Gottfried Zawichowski<\/a>, dem langj\u00e4hrigen Jeunesse-Organisator in Tulln, ohne dessen Einsatz wohl vieles nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst ein wenig Information \u00fcber den Geehrten.<\/p>\n<p><strong>Wer war Friedrich Gulda?<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gulda.at\">Friedrich Gulda<\/a> wurde am 16. Mai 1930 in Wien geboren und begann im Alter von sieben Jahren mit dem Klavierspiel. Man sagt ihm ein absolutes Geh\u00f6r und ein au\u00dfergew\u00f6hnliches (vielleicht sogar photographisches) Ged\u00e4chtnis nach, das ihn bef\u00e4higt haben soll, die Partitur eines ihm vorher nicht bekannten Klavierst\u00fccks nach wenigen Minuten des Anschauens auswendig zu spielen. Au\u00dfergew\u00f6hnliche Musikalit\u00e4t und Begabung muss er jedenfalls besessen haben, denn schon neun Jahre sp\u00e4ter, also mit 16, gewann er den Internationalen Musikwettbewerb in Genf. \u201eUnd danach konnte er sich aussuchen, was und wo er spielen wollte\u201c, wie sein Sohn Paul bei der launigen Conference bemerkte, die durch das Tullner Konzert f\u00fchrte \u2013 ein Privileg, das zweifellos nicht viele 16-j\u00e4hrige Musiker besitzen.<\/p>\n<p>Einer \u2013 ebenfalls durch seinen Sohn Paul verb\u00fcrgten \u2013 Anekdote zufolge soll sich Friedrich Gulda irgendwann um diese Zeit entschlossen haben, von der Schule abzugehen, weil seine Karriere als Musiker ihn voll in Anspruch nahm. Und das ging so: Er zeigte eines Tages im Gymnasium auf und bat den Lehrer, aufs Klo gehen zu d\u00fcrfen. Der erlaubte das \u2013 und Friedrich kam nie zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Ruhm und Kontroversen<\/strong><\/p>\n<p>Auf fr\u00fchen Bildern sieht man Friedrich Gulda noch im Anzug, sch\u00f6n brav am Klavier sitzend, doch damit war bald Schluss. Es war ihm klar, dass er mehr wollte als Reproduzieren: Er wollte ein sch\u00f6pferischer K\u00fcnstler sein. Doch wo ankn\u00fcpfen? Die sp\u00e4tromantische Tradition Gustav Mahlers, die er durch seinen Kompositionslehrer Joseph Marx sehr direkt kennengelernt hatte, lehnte er als \u201eBye-Bye-Musik\u201c ab; das sei nichts anderes als ein Abgesang auf das 19. Jahrhundert. Aber auch die Nachfolger Sch\u00f6nbergs oder gar jene von Franz Liszt hatten ihm wenig zu sagen. Und so gab es nur eines: die lebendige, rhythmische, faszinierende Welt des Jazz. Da hatte allerdings auch ein Friedrich Gulda noch einiges zu lernen.<\/p>\n<p>Am Beginn dieses langen Weges \u2013 und hier spannt sich der Bogen zur\u00fcck zum Konzert \u2013 stand eine h\u00f6chst originelle Komposition, die auf ein h\u00f6chst originelles literarisches Sujet zur\u00fcckgreift: \u201eDie Galgenlieder\u201c von Christian Morgenstern.<\/p>\n<p><strong>Von Bach bis Berauer<\/strong><\/p>\n<p>Doch das Konzert begann klassisch, oder besser gesagt: barock. Paul Gulda spielte zun\u00e4chst das Pr\u00e4ludium in Cis-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier. Es folgte die dazugeh\u00f6rige Fuge, diese jedoch (von Paul Gulda und Rainer Nova) bearbeitet f\u00fcr das bereits fast vollst\u00e4ndig anwesende Ensemble. Und dieses soll hier f\u00fcr seine ausgezeichnete Leistung (und f\u00fcr die Freude, mit der es sie erbrachte) gew\u00fcrdigt werden: Hubert Kerschbaumer und Christian Kronreif an der Klarinette (aber auch gelegentlich am Saxophon), Alois Eberl an der Posaune, Bettina Gradinger an der Ersten Geige, Ingrid Sweeney an der Violine, Sabine Nova an der Viola, Reinhard Latzko am Cello, Tommaso Huber und Lukas Kranzlbinder am Kontrabass, Rainer Nova am Cembalo, Andreas Lettner am Schlagzeug.<\/p>\n<p>Es folgte die von Friedrich Gulda oft gespielte Fantasie in C-Moll vom \u201eG\u00f6ttlichen Weltmeister\u201c (O-Ton F. Gulda: \u201eW\u00f6hdmaasda\u201c) Wolfgang Amadeus Mozart. Gerade dabei h\u00f6rte man, nebst Paul Guldas pianistischem K\u00f6nnen, auch die traurige Tatsache, dass der Steinway-Fl\u00fcgel, der nachweislich noch am selben Tag um 14h gestimmt worden war, diese Stimmung bis 20h nicht so ganz halten konnte\u2026<\/p>\n<p>Danach drei Lieder aus verschiedenen Liederzyklen Gustav Mahlers. Und damit der Auftritt der wunderbaren S\u00e4ngerin Agnes Heginger, die mit Kraft und Pathos, aber auch Finesse und Ironie \u2013 und all das immer genau in der richtigen Mischung \u2013 \u201eGing heut morgen \u00fcbers Feld\u201c und \u201eIch bin der Welt abhanden gekommen\u201c sang \u2013 letzteres \u00fcbrigens ein Zustand, der in verschiedenen Lebensphasen auch auf Friedrich Gulda zutraf.<\/p>\n<p><strong>Ein ungew\u00f6hnlicher Gast<\/strong><\/p>\n<p>Beim dritten Mahler-Lied (\u201eLob des hohen Verstands\u201c) trat dann noch einer auf die B\u00fchne, den man eher aus verschiedenen anderen Kontexten kannte \u2013 Willi Resetarits. Ja, genau, jener Mann, der als \u201eOstbahn-Kurti\u201c weit \u00fcber \u00d6sterreichs Grenzen hinaus Karriere machte. Der zwar \u00fcber keine klassische Gesangsausbildung verf\u00fcgt, aber dennoch jeden Ton trifft und nicht nur das: Selbst wenn er nur stumm dabei steht, spielt er mit. Mit urw\u00fcchsigem Kom\u00f6diantentalent wird jeder seiner Gesichtsz\u00fcge, jede seiner Bewegungen zu einem genial dazuimprovisierten Teil der Auff\u00fchrung. Und wenn er dann singt, im Duett oder in der Wechselrede mit Agnes Heginger, dann entsteht da etwas, dann entsteht da Energie, Knistern, Freude, die nur aus jenem Einverst\u00e4ndnis kommen kann, das zwei musikalische Vollprofis \u2013 wenn auch aus etwas unterschiedlichen Gebieten \u2013 ganz von selbst verbindet.<\/p>\n<p><strong>Der zweite Teil\u2026<\/strong><\/p>\n<p>steht dann ganz im Zeichen des Zwiegesangs. Und hier ist noch ein Name nachzutragen: Johannes Berauer, ein gro\u00dfartiger junger Komponist, der bereits das letzte Mahler-Lied arrangiert und die am Beginn des zweiten Teils folgenden drei Morgenstern-Lieder (\u201eDas Butterbrotpapier\u201c, \u201eDie Mitternachtsmaus\u201c und \u201eDer Sperling und das K\u00e4nguru\u201c) vertont hat und auch selbst leitete. Da wird\u2019s dann richtig turbulent und lustig: die S\u00e4nger kreischen, brummen, kr\u00e4chzen, quieksen (ohne im Geringsten an stimmlichem Niveau zu verlieren), und \u00e4hnliches tun auch die Instrumente: die Klarinetten zwitschern, die Saxophone qu\u00e4ken, die Posaune keppelt und das Schlagzeug setzt Akzente. Zwischendurch s\u00e4uselt eine kleine oder eine Bassblockfl\u00f6te, geblasen von Paul Gulda.<\/p>\n<p>Den Schluss bildet eine Komposition Friedrich Guldas selbst: \u201eSieben Galgenlieder\u201c. Und hier geschieht etwas, was Friedrich Gulda sicher gefallen h\u00e4tte: Die Chose hebt sich sozusagen vom Boden, beginnt zu swingen, die B\u00fchne wird zur Welt und das Klavier zum Regierungssitz \u2013 von dem der Regierende (weiland Friedrich und jetzt Paul) gelegentlich aufh\u00fcpft, um sich als S\u00e4nger, Fl\u00f6tenspieler oder sonstwas zu bet\u00e4tigen. Morgensterns Worte tun das Ihrige, und am Schluss hat man Tr\u00e4nen in den Augen, die vom Lachen stammen \u2013 aber nicht nur. Vielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stelle fest, dass es &#8222;Suite 101&#8220; seit 2014 nicht mehr gibt. Content gel\u00f6scht, alles weg. Wer wissen will, was das war, kann es hier nachlesen. Aber zum Gl\u00fcck habe ich mir ja die Beitr\u00e4ge, die ich damals f\u00fcr die Suite geschrieben habe, aufgehoben. Und ich sehe keinen Grund, sie nicht hier zu ver\u00f6ffentlichen. 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